Wien, Klagenfurt und Berlin, 15. April 2011
Das vom Österreichischen Klima- und Energiefonds (KLIEN) geförderte Forschungsprojekt „Save our Surface“ untersucht die Voraussetzungen und Folgen vermehrter Biomassenutzung. Biomasse wird zur Produktion von Energie und nachwachsenden Rohstoffen eingesetzt. Dies ist eine Ursache zunehmender Landnutzungskonflikte. Weltwirtschaft und Agrarsektor sind derzeit auf fossile und nukleare Brennstoffe angewiesen. Sollten sich fossile Ressourcen verknappen, wird die Landfläche zur Energie- und Stoffproduktion bedeutsamer. Nun liegen weitere Teilberichte des Forschungsprojekts vor.
Gerald Kalt, Energieexperte der Energy Economics Group (TU Wien) untersuchte den österreichischen Biomasse-Außenhandel. Die österreichische Holzindustrie ist stark importabhängig und exportorientiert. Biogene Energieträger (v.a. forstliche Ressourcen) sind die derzeit wichtigste Form der erneuerbaren Energieerzeugung in Österreich. Die steigende Nutzung von Biodiesel hat zu einem Mehrbedarf an pflanzlichen Ölen geführt. Dieser wird nahezu ausschließlich durch Importe gedeckt – in erster Linie Rapsöl aus der EU, aber auch die Palmölimporte stiegen in den letzten Jahren. Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass in der EU ungenutzte Biomassepotenziale vorhanden sind. Die Einschätzung dieser Potenziale ist jedoch mit großen Unsicherheiten behaftet. „Solange kein Nachweis erbracht werden kann, dass eine zunehmende energetische Nutzung landwirtschaftlicher Erzeugnisse nicht auf Kosten der Nahrungsmittelsicherheit bzw. auf Kosten von ökologischer Nachhaltigkeit geht, ist eine auf Importen basierende Ausweitung der Biomassenutzung äußerst kritisch zu sehen“, hält Gerald Kalt fest.
Der Ökologe Andreas Exner (Umweltbüro Klagenfurt) untersuchte die globale Dynamik der Landnahme, die seit 2008 vermehrt als „Land Grab“ diskutiert wird. Die EU kann nur ein bis zwei Drittel des bis 2020 wahrscheinlich erforderlichen biogenen Kraftstoffs auf ihrem Territorium erzeugen. Beimischungsziele für biogene Kraftstoffe schaffen eine Nachfrage nach Biomasse. Diese verstärkt den Trend zur Landnahme. Die Landnahme ist keine „Win-Win“-Situation für Investoren und die Betroffenen, zumeist Kleinbauern und Hirten im globalen Süden, sondern eine des „Win-Lose“. Dies lässt sich exemplarisch an Tanzania, ein „Musterschüler“ der Weltbank und ein Zielgebiet der Landnahme durch EU-Unternehmen für den Export biogener Treibstoffe in die EU, zeigen. „Die Landnahme weist Parallelen zur Durchsetzungsphase des Kapitalismus im 19. Jahrhundert auf. Menschen verlieren ihre Unabhängigkeit und werden verstärkt zu Lohnabhängigen oder direkt weltmarktabhängigen Vertragslandwirten gemacht. Abgesehen von den Leiden, die damit einhergehen, hat ein ‚afrikanischer Kapitalismus‘ Peak Oil hinter sich und Peak Gas, Peak Coal und Peak Phosphor vor sich. Kapitalistische Entwicklungsvorstellungen sind daher nicht haltbar“, so Exner zusammenfassend.
Die PolitikwissenschafterInnen Elmar Altvater und Margot Geiger (FU Berlin) untersuchen die Chancen und Probleme der Biomasseproduktion am Fallbeispiel Brasilien. Brasilien ist nach den USA Marktführer bei Bioethanol und gilt für viele als ein weltweites Vorzeigebeispiel biogener Kraftstoffproduktion. Altvater und Geiger stellen dagegen fest: „Die Ausdehnung der Produktion von Agroenergie stärkt nicht kleine landwirtschaftliche Produzenten, wirkt also der Konzentration des Grundbesitzes, die in Lateinamerika und besonders in Brasilien extrem groß ist und immer wieder zu häufig gewaltförmig ausgetragenen Konflikten führt, nicht entgegen“. Da Weltmärkte die Produktion von Nahrung und Biomasse regeln und Fläche begrenzt ist, besteht zwischen beiden ein Nutzungskonflikt. Dies steht dem Ziel der Ernährungssouveränität, wie die internationale Kleinbauernorganisation La Via Campesina sie fordert, entgegen. Die Klimabilanz von biogenen Kraftstoffen ist auch unter relativ günstigen Produktionsbedingungen wie in Brasilien bei künftig verstärkter Nachfrage nicht notwendigerweise positiv.
Peter Fleissner (Inst. für Gestaltungs- und Wirkungsforschung, TU Wien) modellierte, wie sich die österreichische Volkswirtschaft nach dem Überschreiten des globalen Höhepunkts der Erdölförderung, d.h. nach Peak Oil wahrscheinlich entwickeln wird. Das Hauptergebnis: Eine physische Verringerung des Erdölangebots führt zu einer Verringerung des wirtschaftlichen Outputs. Peter Fleissner hält fest: „Das nicht nur in Österreich allgegenwärtige kapitalistische Entwicklungsmodell mit seinem eingebauten Wachstumszwang beruht energetisch wesentlich auf der Nutzung fossiler Energieträger, allen voran auf der Verfügbarkeit von Erdöl. Dieses Modell gelangt in den kommenden Jahrzehnten an seine Grenzen.“
Der schon im Jänner online gestellte Teilbericht von Werner Zittel (Ludwig-Bölkow-Systemtechnik) hatte festgestellt, dass Peak Oil höchstwahrscheinlich 2008 überschritten wurde. Im Teilbericht von Elmar Altvater und Margot Geiger (seit Jänner 2011 online) wurde die Schlussfolgerung gezogen, dass sich die Wirtschaft nach Peak Oil entschleunigen muss und mit geringeren oder ohne Profite auskommen muss. Wie ist auf die Grenzen der Biomasseproduktion zu reagieren, wird Erdöl knapp und geht der Output der Wirtschaft zurück? Dies wird Thema der Handlungsempfehlungen sein, die vom Projektteam bis Ende Juni 2011 entwickelt werden. Drei Stakeholderworkshops, die unter Beteiligung von Schlüsselakteuren des „Systems Landnutzung“ in Österreich abgehalten worden sind, lieferten wichtige Inputs dazu.
Die Teilberichte des KLIEN-Forschungsprojekts „Save our Surface“ zum Download:
http://www.umweltbuero-klagenfurt.at/sos/?page_id=105
Presserückfragen (alphabetische Reihung):
Prof. Elmar Altvater – Tel. +49-30-35503250, e-mail: elmar.altvater@fu-berlin.de
Mag. Andreas Exner – Tel. +43-463-516614-45 oder +43-699-15166148, e-mail: andreas.exner@umweltbuero-klagenfurt.at
Prof. Peter Fleissner – Tel. +43-1-5041190, e-mail: fleissner at arrakis.es
Dipl.-Ing. Gerald Kalt – Tel. +43-1-58801-370363, e-mail: kalt@eeg.tuwien.ac.at